Wer lesen kann ist klar im Vorteil
Gestern Abend haben wir uns ein Musical angeschaut, und das war leider eine ziemlich enttäuschende und zumindest rückblickend eine ganz und gar vermeidbare Erfahrung.
Ich sollte an dieser Stelle vielleicht einleitend erwähnen, dass ich kein besonders geübter Musicalgänger bin. Nach dem König der Löwen 2019 in Hamburg und Fack ju Goehte 2024 war das gestern Abend mein erst drittes Musical. Es hätte auch leicht mein viertes sein können, wenn ich während meiner Abschlussfahrt 1997 nach London nicht viel zu cool für Starlight Express gewesen wäre. Aber das ist eine andere Geschichte.

Gestern Abend war also Phantom der Oper angesagt, in der kleinen Olympiahalle in München. Allein schon beim Lesen dieses Satzes, sollte man stutzig werden, ich verstehe da jeden schlauen Einwand. Als wir die Tickets im Januar gekauft haben, gab es leider kein Warnsignal in meinem Kopf, als der 14-Jährige mit seinem iPhone in der Hand vor uns stand, und erklärte das nächsten Monat das Phantom der Oper in München zu sehen sei und er schon in der Warteschleife für Tickets ist. Ich war sprachlos und stolz zugleich, was dann auch direkt dazu geführt hat, das ich ohne weiter nachzudenken, fast 400 Euro für 4 Tickets ausgegeben habe. Das Phantom der Oper wollten wir schließlich schon immer mal sehen, und nachdem es in den Stage Theatern in Deutschland aktuell nicht aufgeführt wird, war das einfach eine zu gute Gelegenheit es bequem mitzunehmen.
Schon beim Betreten der kleinen Olympiahalle hatte ich ein mulmiges Gefühl. Ich hatte da ziemlich offensichtlich nicht eine einzige Sekunde vorher drüber nachgedacht, aber als ich im Eingangsbereich der Halle stand, hab ich mich gefragt, ob ich wirklich ernsthaft etwas anderes erwartet habe. Ich hatte noch einen Funken Hoffnung, das sich hinter den noch verschlossenen Türen doch noch irgendeine Form von Theater verbergen würde. Als sich dann die Türen geöffnet haben wusste ich, dass wir heute alle mächtig enttäuscht nach Hause gehen werden.

Beim Durchschreiten der Gänge hatte ich sofort Kongresssaal-Vibes. Meine Versuche die Stimmung mit etwas trockenem Humor aufzuheitern, kamen beim Rest der Familie aber nicht so toll an. Kein Wunder, war doch beim Blick auf die Bühne bis zum Beginn der Veranstaltung nicht klar, ob wir heute nicht doch nur einen Film sehen werden. Nachdem das auf die Leinwand projizierte Intro durch war, sind die Vorhänge gefallen und hinter uns rief jemand laut "Gott sei Dank!". Ich glaube da haben ein paar mehr Leute wirklich Schlimmes befürchtet.

Es gab also dann doch noch echte Sänger, die auch live gesungen haben. Das hat man vor allem daran gemerkt, das die Mikrophone viel zu nah am Mund montiert und gänzlich unzureichend ausgepegelt waren. Ein ständiges Zssssch, zssssch ... war dadurch unvermeidbar dauerhaft zu hören. Auch die restliche Akustik in eben jener Mehrzweckhalle war so grottenschlecht, dass ich eher das Gefühl hatte einer Aufführung in der Schulaula beizuwohnen.
Ich habe dann versucht, mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Hilft ja nichts, das soll ja irgendwie Freude bereiten. Ich fand es erstaunlich, was die aus der vielleicht 5 Meter tiefen Bühne herausgeholt haben. Die Videoprojektionen durch manchmal halbtransparente Vorhänge hindurch war ziemlich beeindruckend. Auch haben die projizierten Übergänge viele Unzulänglichkeiten der viel zu kleinen Bühne extrem gut ausgebügelt. Auch die Performance der Sänger war gut. Nicht auf dem typischen Niveau, das man von den Hochglanzproduktionen kennt, aber abgesehen von dem einen oder anderen schiefen Ton, war das top und die ganze Show wurde mit viel Witz vorgetragen. Das hatte stellenweise etwas von einer Komödie.
Am Ende haben wir uns dann aber dennoch ziemlich enttäuscht auf den Weg nach Hause gemacht. Und wenn ich die Gespräche der anderen Besucher richtig gedeutet habe, waren wir nicht die Einzigen, die sehr spontan und in Erwartung einer ganz bestimmten Veranstaltung einem Kaufimpuls nachgegeben haben.
Die Bewertungen des Musicals sprechen jedenfalls eine klare Sprache, das man aus dem Umstand, dass das Original aktuell nicht mehr aufgeführt wird, versucht eine schnelle Mark zu machen.
Was ich wirklich kritisiere, ist nicht, dass man die geschützten Musikstücke von Andrew Lloyd Webber aus offensichtlichen Gründen nicht aufführen kann, auch wenn man damit viele Fans herb enttäuscht. Aber das man dann noch nicht einmal den Anspruch an sein eigenes kreatives Werk hat, es wenigstens in einem tollen Ambiente und mit dem bestmöglichen Sound vorzutragen ist wirklich armselig.
Vielleicht ist es aber auch einfach nur nicht fair, an Kunst andere Maßstäbe anzulegen, während sich die ganze Welt links und rechts skrupellos an allem bereichert. Dann wäre an dieser Stelle ein Glückwunsch an Deborah Sasson und Jochen Sautter für das völlig schamlose Reiten dieser Welle angebracht. Denn ein Geheimnis ist es eigentlich nicht, was einen hier erwartet.